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Newsletter #3
Über die Sucht nach Hochprozentigem: der Klimaschutz und das Demoskopiesyndrom

Zu viel Zu-Stimmungsmache. 

Sind Sie eigentlich auch für bessere Bildung? Was halten Sie von mehr Verkehrssicherheit? Und unterstützen Sie wirksamere Gesundheitsprävention, damit Menschen länger leben? Ich bin mir sicher: All dem stimmen Sie zu.

Trotzdem werden Sie vermutlich keines dieser Themen ganz oben auf der Liste der „aktuell wichtigsten politischen Themen“ finden. Eher unwahrscheinlich ist es, dass neue Präventionsprogramme für mehr Verkehrssicherheit oder bessere Gesundheitsvorsorge zum Aufmacher der Tagesschau oder der Zeit im Bild werden. Noch seltener gibt es Massendemonstrationen zu diesen Themen. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, diese Themen seien „nicht mehr aktuell“, oder die Menschen“ wendeten sich ab von besserer Bildung, mehr Verkehrssicherheit, besserer Gesundheitsvorsorge – das wäre dennoch eine ziemlich vermessene Behauptung.

Umso verwunderlicher jedoch ist es, dass genau dies über den Klimaschutz behauptet wird. Selbst in der Klimaschutz-Community erzählt man sich sorgenvoll, Klimaschutz sei „nicht mehr angesagt“, das Klimabewusstsein gehe zurück. Verwiesen wird auf die renommierte Umweltbewusstseinsstudie und andere Befragungen, die empirisch ja tatsächlich einen Rückgang der öffentlichen Aufmerksamkeit für die Klimakrise feststellen.

Diese Fixierung auf Zustimmungszahlen, Sorgen-Barometer und Bewusstseins-Skalen ist ein Problem. Denn so wichtig es für Regierungen auch ist, dass ihre Klimaschutzmaßnahmen Akzeptanz und Rückhalt in der Bevölkerung finden, so gilt doch auch: Bewusstsein allein senkt keine Emissionen. Die Hoffnung, dass ein immer weiter gesteigertes Klimabewusstsein sozusagen automatisch den Weg ebnet für wirksame Klimapolitik, ist eine Illusion. Zugespitzt könnte man sagen: Die Klimapolitik leidet unter einem Demoskopiesyndrom. Denn das stete Starren auf demoskopische Befunde mag zwar hilfreich sein zur Orientierung, an welchen Stellen politische Kommunikation ansetzen sollte. Doch allzu oft verschleiern solche Zahlen die Wenn-dann-Beziehungen, unter denen Zustimmung eben doch zu gewinnen ist – und verstärken auf Seiten der Klimaschutz-Engagierten Ohnmachtsgefühle und eine Haltung des Abwartens auf angeblich bessere Zeiten.

Dabei zeigen unzählige Beispiele politischer Reformen, dass sich politische Mehrheiten nicht von selbst ergeben, dass breiter Rückhalt für kontroverse Vorhaben Schritt für Schritt errungen werden muss (und kann). Sei es beim Frauenwahlrecht, bei der Gurtpflicht im Straßenverkehr, beim Rauchverbot in der Öffentlichkeit oder bei Verkehrsberuhigungen und City-Maut-Modellen in Städten überall in Europa – in fast allen Fällen standen Mehrheiten diesen Initiativen zunächst skeptisch bis ablehnend gegenüber. Die heute bei all diesen Maßnahmen zu messende Zustimmung in der breiten Öffentlichkeit, stellte sich erst im Nachhinein ein – wenn sich herausgestellt hatte, dass die von manchen heraufbeschworenen Negativeffekte nicht eingetreten waren. Rückblickend kann man daher vermutlich froh sein, dass die beteiligten Reformer:innen hier keine demoskopische Befunde zur Hand hatten. Oder die Demoskopie Demoskopie sein ließen – und beherzt bei dem geblieben sind, was sie für richtig und wichtig hielten.

Mit den besten Grüßen aus der Klimafakten-Redaktion,

Ihr Carel Carlowitz Mohn

 

In diesem Newsletter:

Aus der Klimafakten-Redaktion

Online-Reihe „Was nützt?“: Was die Forschung wirklich sagt zu Lösungen für die Klimakrise

Gesicherte Fakten in neuem Format: In 75-minütigen Online-Events stellt Klimafakten-Redaktionsleiter Toralf Stand gemeinsam mit einem Gast aus der Forschung den Wissensstand zu verschiedenen Klimaschutzlösungen vor. Die Reihe startet am 27. Mai. Kooperationspartner ist die Dialogplattform "Helmholtz Klima" 
Im ersten Termin geht es um die Frage "Was nützen E-Autos dem Klima?". Gemeinsam mit dem Gast Dr. Till Gnann (Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI), Karlsruhe)  stellt Klimafakten-Redaktionsleiter Toralf Staud die wichtigsten Erkenntnisse und den Stand der Forschung dar. Auch das Publikum ist zu Fragen und Diskussion eingelden. Sie können sich jetzt für den ersten Termin kostenlos anmelden. Wir freuen uns über Ihre Teilnahme. 

27. Mai | 17-18:15 Uhr | online

Die weiteren Termine jetzt vormerken

Studie des Monats 04/2026

Laufend erarbeitet die Sozialforschung wertvolle Erkenntnisse, die bei einer wirksameren Klimakommunikation helfen können. In einer neuen Rubrik im Rahmen des Projekts #DebattenKLIMA stellt Klimafakten jeden Monat eine besonders herausragende Publikation vor.

Was bringen Konsens-Botschaften?

„97 % aller Klimawissenschaftler:innen sind sich einig, dass der menschengemachte Klimawandel stattfindet“ – diese sogenannte Konsens-Botschaft wird in der Kommunikationsforschung als eines der wirksamsten Mittel angesehen, um Skepsis abzubauen. Wie viel bewegt diese Zahl in den Köpfen der Menschen tatsächlich? Und was verbirgt sich hinter dem viel zitierten „Gateway Belief Model“?

Um die Wirkung von Konsens-Botschaften besser zu verstehen, betrachten wir zwei aktuelle Veröffentlichungen sowie zwei ergänzende Studien:

Jacob Rode et al. (2025) liefern eine groß angelegte Meta-Analyse. Sie fassen die Evidenz ausgesuchter Studien zusammen, um zu klären, ob Konsens-Botschaften die Bereitschaft erhöhen, Maßnahmen gegen den Klimawandel zu unterstützen.

Jan-Pascal Göbel et al. (2026) untersuchen in einer neuen Studie, ob eine Konsens-Botschaft die Wirksamkeit nachfolgender Informationen erhöhen kann: Lernen Menschen mehr aus einem Video, wenn ihnen kurz zuvor der wissenschaftliche Konsens vor Augen geführt wurde?

Zusätzlich blicken wir auf Ergebnisse von Nadia Said et al. (2022) und die eigenen Auswertungen des Autors (Robin Tschötschel et al. 2021): Wir haben ebenfalls spezifisch untersucht, wie das deutsche Publikum auf diese Art der Kommunikation reagiert.

Die Forschung hat den klimapolitischen Diskurs in den vergangenen Jahrzehnten stark geprägt und vorangebracht. Doch sie gerät unter Druck – nicht nur in den USA. Unsere monatliche Rubrik Manometer! analysiert, wo die gesellschaftliche Debatte rund um die Klimakrise steht.

Irankrieg: Die erneute Energiekrise beschleunigt die Debatte um die Energiewende – aber auch um Benzinpreise, Atomkraft und Kohlekraftwerke

Was bisher geschah: Die hohe Verwundbarkeit des europäischen Energiesystems wurde spätestens durch die Energiekrise 2022 infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine deutlich. Sie hat die Diskussion um Versorgungssicherheit und Energieunabhängigkeit in der breiten Öffentlichkeit in Gang gesetzt. Neu entfacht wurde sie dann durch die geopolitischen Machtverschiebungen, die während des internationalen Streits um Grönland zu Beginn des Jahres 2026 deutlich wurden (siehe Manometer! 01/2026. Und nur wenige Monate später sorgen die erneut gestiegenen Energiepreise in Folge des Iran-Nahost-Konflikts und der Sperrung der Schifffahrtsroute von Hormus für eine weitere Zuspitzung der Debatte. In der deutschsprachigen Berichterstattung wird dieser Krieg weniger als humanitäre Krise verhandelt – vielmehr ist er in der hiesigen Debatte ein „Energie-Krieg“. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind bislang mehr als 2.300 Zivilisten im Iran, Libanon und Israel ums Leben gekommen, tausende weitere wurden verletzt.

Aus Sicht Europas und damit auch Deutschlands und Österreichs geht es um nichts weniger als die Frage, wie wir uns unabhängig und sicher mit Energie versorgen können.

Woher kommt die Motivation für Klimaschutz? Forschungsergebnisse und ein neues Online-Tool

Was motiviert Menschen klimafreundlich zu handeln? Und wann empfinden sie Klimaschutz als sozial gerecht? Das Öko-Institut hat erforscht, welche Faktoren zu mehr Unterstützung von Klimaschutz beitragen – und ein Online-Tool erarbeitet, das zum Beispiel Kommunen helfen soll, Klimaschutzmaßnahmen so auszugestalten und zu kommunizieren, dass sie gesellschaftlich unterstützt werden.

Was kann (Medien-)Politik gegen Desinformation tun? Veranstaltung am 21. Mai an der Hertie School Berlin

Zu Gast sind unter anderem der SPD-Medienpolitiker Carsten Brosda, der Klimaforscher Stefan Rahmstorf, die Desinformations-Expertin Paula Matlach: In einer prominent besetzten Veranstaltung fragt Klimafakten gemeinsam mit europäischen Partnern, was denn aus der (auch von Deutschland unterzeichneten) "Deklaration zur Integrität von Informationen zum Klimawandel" folgt.

Aber was folgt konkret aus der Deklaration? Was passiert bereits in anderen Ländern? Wie ist überhaupt die Lage in Deutschland, was (absichtliche oder versehentliche) Falschinformationen zum Beispiel im Fernsehen angeht? Und welche Rolle kann die Politik überhaupt spielen bei der Bekämpfung von Des- und Falschinformationen? Was erwarten Forschung, Zivilgesellschaft und Medien? 

Um diese und weitere Fragen soll es auf einer Veranstaltung gehen, zu der Klimafakten gemeinsam mit drei europäischen Partnerorganisationen – QuotaClimat, Data for Good und Science Feedback – einlädt:

21. Mai 2026, 17:00 bis 19:30 Uhr
Hertie School, 
Friedrichstraße 180, 10117 Berlin 

Aus der Klimafakten-Akademie

Weiterbildung "Wirksame Klimakommunikation" in Kooperation mit der Akademie Kirche & Diakonie

Die 5-Tages-Weiterbildung bietet eine einzigartige Möglichkeit, sich intensiv, anwendungsnah und fundiert mit Aspekten gelingender Klimakommunikation zu beschäftigen. Diese Weiterbildung richtet sich speziell an Personen aus dem kirchlichen Umfeld.

📅 9.-13. November 2026

📍Berlin


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Redaktion: Carel Mohn (verantwortlich), Cosima Siegling
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